Die Führungskraft als Coach

 

Nachdem in den letzten Jahren in Wirtschaftskreisen viel von "human potential" und der "personal mastery" die Rede war, beides Begriffe, die ja in die Richtung Mitarbeiterförderung zielen, kommt jetzt ein neuer Begriff in Mode, wo ähnliches angestrebt werden soll, die "Führungskraft als Coach" des Mitarbeiters. Das klingt zunächst sehr verlockend, denn da die "harten" technischen Möglichkeiten, Arbeit effizienter und produktiver zu machen im Moment ausgeschöpft scheinen, ist es sinnvoll und richtig, sich um die "weichen Faktoren", sprich um die Menschen in den Betrieben zu kümmern. Der Mensch ist der wichtigste Produktivitätsfaktor, und wenn es einer Firma gelingt, daß sowohl jeder einzelne Mitarbeiter soweit gefördert wird, daß er möglichst sein volles Potential in die Arbeit einbringen kann, als auch das Betriebsklima z. B. durch gute Konfliktlösestrategien so konstruktiv ist, daß keine Reibungsverluste mehr entstehen durch ungelöste Konflikte, haben beide Seiten davon einen unschätzbaren Gewinn: der Mitarbeiter, weil es das natürliche Streben jedes Menschen ist, seine Fähigkeiten entfalten zu können; die Firma, weil heute Wettbewerbsvorteile nur noch durch effizientere Mitarbeiter zu erreichen sind.

Bei genauerer Betrachtung weist das Modell jedoch einige Fallstricke auf, die nicht unterschätzt werden dürfen.

Betrachten wir zunächst einmal die klassische Aufgabe eines Coaches. Der Begriff Coaching kommt ja ursprünglich aus der Welt des Sports, wo der Coach seinem Trainee nicht nur zur Verbesserung seiner sportlichen Leistungen verhilft, sondern ihn auch in persönlicher Hinsicht betreut, ihm hilft, persönliche, psychische Hürden zu nehmen. Genauso verhält es sich beim Coaching im Wirtschaftsbereich. Das Coaching-Gespräch ist ein zielorientiertes Gespräch, bei dem konkrete berufliche Probleme und die damit möglicherweise verbundenen persönlichen Schwierigkeiten aufgearbeitet werden, wie z. B. im Fall eines Projektleiters, der in seiner Arbeit außerordentlich erfolgreich war, und von dem seine Vorgesetzten, eben auf Grund seiner guten Leistungen, ein selbstbewußteres Auftreten in der Öffentlichkeit erwarteten. Da er seiner Natur nach ein zurückhaltender und bescheidener Mann war, der gern anderen den Vortritt ließ, fiel es ihm schwer, in Meetings, bei Kongressen etc. entsprechend aufzutreten, doch nach wenigen Coaching-Sitzungen war dieses Problem behoben. Es geht im Coaching also, um das noch einmal zu wiederholen, um eine berufliche und persönliche Förderung.

Genau diese Verbindung von Beruflichem mit Persönlichem bringt schon die ersten Stolpersteine zu Tage:

  1. Da Führungskräfte in den seltensten Fällen ein entsprechendes Training haben, sind sie mit der Anforderung, einen Mitarbeiter in beruflicher und persönlicher Hinsicht zu fördern und zu entwickeln, wie etwa im oben geschilderten Fall, überfordert, denn zu Führungskräften werden ja meistens die besten fachlichen Kräfte gemacht. Jemanden zu fördern erfordert jedoch ein ganz anderes Wissen und Können. Der Trainer von Boris Becker ist kein besserer Tennisspieler als er, sondern besitzt die Fähigkeit und das Wissen, dessen Potential zu entwickeln.
  2. Die Führungskraft gerät in einen Rollenkonflikt: nun ist sie einerseits persönlicher Berater, andererseits ist sie aber auch Vorgesetzter, der u. U. entlassen muß.
  3. Wie wirkt es sich in der Firma aus, wenn durch das Coaching eventuell eine intensive persönliche Beziehung entsteht?
  4. Welche Ängste und Befürchtungen werden u. U. bei den Mitarbeitern ausgelöst? "Muß ich dem Chef jetzt auch noch mein ganzes Seelenleben offenbaren?"
  5. Wird das Coaching durch den Chef positiv gesehen oder hat es eher den Ruch von "Nachhilfe"?
  6. Was löst es bei den anderen Mitarbeitern aus, wenn einer Coaching vom Chef bekommt? Lassen sie womöglich in der Leistung nach, um auch in den Genuß dieser Maßnahme zu kommen?

All diesen Fragen, zu denen sich sicherlich noch einige hinzugesellen ließen, ist gebührende Aufmerksamkeit zu widmen, bevor man ein Projekt wie "die Führungskraft als Coach" startet. Die allerwichtigste Frage ist jedoch: Wo soll der Vorgesetzte die Zeit und Energie hernehmen, um sich selbst so gründlich und intensiv zu schulen, wie es nötig ist, um dieser neuen Anforderung verantwortungsvoll zu begegnen? Bei einer Seminar-Veranstaltung , die den Titel trug "Der Verkaufsleiter als Coach", baten etliche der Teilnehmer händeringend darum, man möge ihnen in zwei (!!!) Tagen das Coaching beibringen, damit sie ihre neue Aufgabe erfüllen können. Eine seriöse Coaching-Ausbildung dauert ca zwei Jahre...

Um verantwortungsbewußt als Coach zu handeln, braucht es mehr als ein oder zwei Gesprächstechniken verbunden mit profunden beruflichen Kenntnissen, und es genügt auch nicht, als väterlich- wohlwollender Freund aufzutreten. Neben pädagogischen, psychologischen und gruppendynamischen Kenntnissen gehört z. B. auch einiges an Selbsterfahrung dazu, damit man als Coach imstande ist, die eigene Persönlichkeit einmal zurückzunehmen, und nicht Eigenes mit dem vom Mitarbeiter Vorgebrachten zu vermischen.

..nun gibt es im Rahmen dessen, was schon immer klassische Führungsaufgabe war, nämlich Mitarbeiterqualifikationsgespräche zu führen, einiges, was Führungskräfte tun können, um ihre Mitarbeiter zu fördern und zu entwickeln, ohne daß neue Konzepte mit hochtrabenden Namen eingeführt werden müssen. Eine enorme berufliche Förderung bedeutet es für Mitarbeiter meistens schon, wenn die Führungskraft sich wirklich Zeit für ihn nimmt, wenn Schwierigkeiten auftreten, und gemeinsam mit ihm statt auf Schuld- auf Ursachensuche geht. Da gilt es zunächst einmal zu lernen, gründliche Problemanalysen zu machen. Ich konnte in meiner Tätigkeit immer wieder feststellen, daß viele Chefs mit Problemen im menschlichen oder zwischenmenschlichen Bereich auf eine Art und Weise umgehen, wie sie das mit Sachproblemen niemals tun würden. Statt zu analysieren , welche Ursachen und Gründe ein Problem hat, sind sie sofort mit Lösungen parat. Das führt manchmal zu geradezu absurden Resultaten: Ein Verkaufsleiter, der eine Verkäuferbegleitung durchführte, weil er mit den Ergebnissen dieses Mitarbeiters unzufrieden war, stellte fest, daß sein Verkäufer in der Lage war, sofort guten zwischenmenschlichen Kontakt zum potentiellen Kunden herzustellen, eine saubere Bedarfsanalyse durchzuführen und ausgezeichnete Sachkenntnisse auf arbeiters tun können, wenn sie sich entschlossen haben, eine solche Maßnahme einzuführen, ist folgendes:

  1. Beginnen Sie dieses Projekt am besten zunächst mit einem Mitarbeiter, der an und für sich sehr gute Arbeit leistet, aber an irgendeinem Punkt einen kleinen "Hänger" hat, damit das Coaching nicht als "Nachhilfe" mißverstanden, sondern als Förderungsmaßnahme anerkannt wird.
  2. Klären Sie mit Ihrem Mitarbeiter, ob er bereit ist, mit Ihnen an einem ganz bestimmten, vorher definierten Thema zu arbeiten.
  3. Definieren Sie gemeinsam ein klares Ziel, das überprüfbar ist. Stellen Sie die Kontrollfrage: "Woran werden wir merken, daß Sie Ihr Ziel erreicht haben?" Wenn es um qualitative Ziele geht, die schwer zu fassen sind, wie z.B. bessere Kundenorientierung, hilft es oft, die entgegengesetzte Frage zu stellen, nämlich :"Woran merken wir im Moment, daß die Kundenorientierung nicht optimal ist?", um zu klären, was genau verändert werden soll.
  4. Orientieren Sie den Mitarbeiter von Anfang an darauf, daß es bei der gemeinsamen Problembearbeitung, die Sie ihm anbieten, nicht um Schuldsuche geht, sondern darum, herauszufinden, welches die Ursachen für das Auftreten des Problems sind. Sehr viele Mitarbeiter erwarten Druck, wenn es zu Problemen oder nicht erreichten Zielen gekommen ist, und beginnen das, was Transaktionsanalytiker das "Gerichtssaal-Spiel" nennen. D.h., sie verhalten sich so, als ob sie vor Gerücht stünden, sie nehmen die Verteidigungsposition ein, sie verschweigen Dinge oder stellen sie aus Selbstschutz falsch dar. Wenn das passiert, und die Führungskraft merkt, daß sie beim Mitarbeiter gar nicht ankommt, wird oft aus schierer Verzweiflung Druck gemacht: "Jetzt sehen Sie aber mal zu, daß das schnellstens in Ordnung kommt!", der jedoch meist gar nichts bewirkt. Also ist es sehr wichtig, dem Mitarbeiter gleich zu Beginn glaubhaft zu vermitteln, daß es um Unterstützung geht, nicht um Verfolgung, und u.U. müssen Sie ihm das mehrfach klarmachen, immer dann nämlich, wenn er wieder anfängt, sich zu rechtfertigen. Dies ist ein zentraler Punkt, denn wer sich rechtfertigt, ist vergangenheitsorientiert, um jedoch zu einer Lösung zu kommen, ist Zukunftsorientierung erforderlich.
  5. Der nächste Schritt ist, Fragen zu stellen. Fragen Sie, Fragen Sie solange, und zwar mit den richtigen Techniken, bis Sie verstanden haben, wie das Problem entsteht. Denn wenn man erst einmal ganz genau verstanden hat, wie man ein Problem produzieren kann, weiß man spätestens dann auch ganz genau, wie man es verhindert. Die Fragetechniken, die sich als die hilfreichsten erwiesen haben, sind z.B. in Trainings erlernbar, brauchen aber auch gewisse Übung, denn oft sind sie zwar dem Namen nach bekannt, werden in der Praxis aber doch falsch umgesetzt. Ein typischer Fehler, der gemacht wird, wenn man Dingen auf den Grund gehen will, ist z.B. "Ja/Nein-Fragen" zu stellen, statt offener Fragen, die für die Informationsgewinnung viel wertvoller sind. Offene Fragen veranlassen den Mitarbeiter nämlich, das ganze Spektrum seinen Problems zu durchleuchten. "Ja-Nein-Fragen" hingegen bringen die Dinge auf den Punkt, und sind dann angebracht und sinnvoll, wenn man abklären will, ob man etwas richtig verstanden hat. In der Theorie ist das den meisten Führungskräften bekannt, aber die praktische Umsetzung erfordert ein bißchen Training und Feedback.
  6. Da Probleme jedoch nicht nur auf der Handlungsebene wirken und entstehen, sondern immer auch von entsprechenden Denkvorgängen begleitet werden, müssen Sie sich als Führungskraft auch bemühen, nicht nur die Sichtweise des Mitarbeiters kennenzulernen, sondern auch seine Denkweise zu verstehen. Nur wenn die Denkweise, die einem Problem zu Grunde liegt, verstanden wurde, kann eine Verhaltensänderung initiiert werden. Folgendes Beispiel mag das illustrieren: Ein Service-Mitarbeiter hatte einen wichtigen Kunden sehr verärgert. Er war zum Kunden gerufen worden, weil auf Grund eines Maschinenausfalls dessen Fertigung still stand. Der Mitarbeiter brachte die Maschine mit zwei Handgriffen wieder zum Laufen und versuchte den tobenden Firmeninhaber mit den Worten zu beruhigen, er solle sich wegen dieser Lappalie nicht so aufregen. In der Problemanalyse fand der Vorgesetzte heraus, daß der Mitarbeiter das Problem nur aus eigener Sicht sah und es ihm sehr schwerfiel, sich in den Kunden hineinzuversetzen, der quasi den Herzstillstand seiner Firma mitansehen mußte. Nach diesem Vorfall dem Mitarbeiter einfach zu sagen, er solle sein Verhalten ändern, hätte keinen Sinn gemacht, denn er hätte gar nicht gewußt, wie. Auch ein Kundentraining hätte ihm vermutlich nicht viel weitergeholfen. Er mußte lernen, eine neue Denkweise zu entwickeln, Dinge auch aus der Sicht des anderen wahrzunehmen.
  7. Wenn nach der Problemanalyse beiden, dem Vorgesetzten und dem Mitarbeiter, ganz klar ist, wie das Problem entsteht, fordern Sie Ihren Mitarbeiter auf, Lösungen zu entwickeln. Bieten Sie von sich aus zunächst keine an, sondern warten Sie, bis erste Lösungsvorschläge vom Mitarbeiter kommen. Erst wenn das geschehen ist, können Sie auch eigene Ideen in die Diskussion bringen. Achten Sie jedoch aufmerksam darauf, ob Ihr Mitarbeiter möglicherweise auf jeden Ihrer Vorschläge mit einem "Ja-aber..." reagiert. Sollte das der Fall sein, ist es besser, das Gespräch zu unterbrechen, und den Mitarbeiter aufzufordern, zu einem späteren Zeitpunkt mit eigenen Lösungsansätzen wiederzukommen. Ein "Ja-aber-Spiel" hat nämlich die Tendenz, so lange gespielt zu werden, bis das Problem im Stadium der gänzlichen Unlösbarkeit erscheint, weil es auf jeden Vorschlag tausend Einwände gibt.
  8. Entwickeln Sie nun gemeinsam ganz klare, fest terminierte Maßnahmen. Achten Sie bei der Maßnahmenfindung auch darauf, daß durch die Maßnahmen tatsächlich das ganze Problem gelöst wird und nicht nur Teile davon. Wenn dieser Maßnahmenkatalog erstellt ist, mit ganz klaren Zielen, was bis wann umgesetzt wird, folgt der letzte Schritt, nämlich
  9. Nun beginnt die eigentliche Controlling-Aufgabe der Führungskraft: Überprüfen, ob es eine Soll/Ist-Abweichung gibt, hinterfragen, was aus welchen Gründen nicht umgesetzt wurde, klären, ob neue Maßnahmen erforderlich sind, klären , ob das Problem wirklich ganz erfaßt wurde usw.

Die vorangegangenen neun Schritte beinhalten eine ausschließlich berufliche Förderung des Mitarbeiters und sind ohne jegliche psychologischen Kenntnisse durchführbar. Ob man sie nun unter der Überschrift "Die Führungskraft als Coach" macht, oder sie schlicht Mitarbeiterqualifikationsgespräche nennt, klar ist, sie beanspruchen Zeit, viel Zeit, die nur dann zur Verfügung steht, wenn die Mitarbeiter daran gewöhnt sind, eigenverantwortlich zu handeln, wie das der Fall ist, wenn konsequentes Führen mit Zielvereinbarungen (nicht Zielvorgaben!) praktiziert wird. Denn ob Coaching in der Wirtschaftswelt oder im Sport, bei beiden gilt : Der Coach darf nicht auf das Spielfeld. Das ist vielleicht die eigentliche Herausforderung, die es für Manager, die gern Dinge anpacken und "Macher" sind, zu bewältigen gilt: Ich muß den, den ich gefördert habe, machen lassen.