"Ich drücke mich vor Herausforderungen"Das Wort "Herausforderung" gehört zu jenen Begriffen, mit denen in letzter Zeit recht viel Schindluder getrieben wurde. Angefangen davon, dass es überhaupt nur noch "Herausforderungen" gibt, weil nichts mehr eine "Schwierigkeit" oder ein "Problem" genannt werden darf, egal, wie schwierig oder problematisch es ist, hat sich in einigen Unternehmen auch die Unsitte eingebürgert, ungeliebte Tätigkeiten mit den schönen Worten: "Betrachten Sie es als eine Herausforderung!" einem beziehungsweise einer anderen aufzuhalsen. Bevor Sie sich selbst also für eine Drückebergerin halten, sollten Sie erst einmal genau prüfen, wie Sie zu dem Urteil "Ich drücke mich vor Herausforderungen" gekommen sind. Stimmt das so tatsächlich? Oder haben Sie nur einen gesunden Selbsterhaltungstrieb, der Ihnen hilft, ein eindeutiges Zuviel an Anforderungen zu unterbinden? Möglicherweise gehören Sie vielleicht auch zu jenen Menschen, die viel zu viel von sich selbst fordern und den nächsten Entwicklungsschritt schon in Angriff nehmen wollen, ehe der vorige noch recht verdaut ist. Dann ist das tief gespürte Unbehagen, sich schon wieder einer neuen Aufgabe und damit einem neuen Risiko zu stellen, keineswegs ein Sich Drücken! Viel eher sollten Sie sich beglückwünschen, dass Ihr Unterbewusstsein stabil genug ist, dem viel zu hohen Leistungsdruck zu widerstehen. Wenn Sie die beiden erstgenannten Möglichkeiten für sich jedoch ausschließen können, weil Sie mit sich selbst immer wieder die Erfahrung gemacht haben, dass Sie eine neue Aufgabe, eine größere Verantwortung letztendlich doch nicht übernommen haben, obwohl es Sie sehr gereizt hätte, dann haben Sie vielleicht tatsächlich Angst vor Ihrer eigenen Courage und behindern sich damit selbst. Für ein solches Verhalten kann es mehrere Gründe geben. Eine mögliche Ursache ist ein psychologisches Spiel, dass man mit sich selbst spielt. Psychologische Spiele erkennt man, grob vereinfacht gesprochen, daran, dass Kommunikation nach immer gleichen Mustern schief geht. Psychologische Spiele folgen zwar ganz bestimmten Regeln, doch im Unterschied zu tatsächlichen Spielen gibt es dabei keinen Gewinner - am Ende fühlen sich alle schlecht. Die meisten psychologischen Spiele haben mindestens zwei Mitspieler, doch es gibt auch Spiele, die man allein spielen kann. Eines dieser Spiele ist das "Holzbein-Spiel". Nach dem Motto "Wer kann
denn von einem Mann mit einem Holzbein verlangen, dass er rennt wie ein
junger Hase", werden immer wieder Dinge nicht getan, die man eigentlich
gern tun würde.... aber, man hat ja leider dieses dumme Holzbein!
"Ich bin doch inzwischen viel zu alt, um mich noch in diese neuen
Computerprogramme einzuarbeiten", "Ich bin doch viel zu schüchtern,
um erfolgreich vor einer solchen Gruppe präsentieren zu können",
"Um diesen Job zu kriegen, muss man ein Uni-Diplom haben", "Mit
meinen geringen Englisch-Kenntnissen würden die mich wahrscheinlich
nur auslachen" "Ohne die Ellbogen und die Durchsetzungsfähigkeit
eines Mannes schaffe ich das sowieso nie": Das alles sind Holzbeine
- und gehören als solche über Bord geworfen! Wie macht man das? Um mit dem Holzbein fertig zu werden ist es also nötig, das, was man ausblendet, all die Pluspunkte, die einem helfen, das Gewünschte zu erreichen, immer und immer wieder einzublenden. Manchmal hilft es auch, eine gute Freundin oder Kollegin um Unterstützung zu bitten. Lassen Sie sich einmal von ihr all Ihre positiven Seiten, Ihre Kenntnisse und Fähigkeiten aufzählen - vielleicht werden Sie überrascht sein! Wenn Sie Ihr Holzbein wirklich loshaben wollen, kann Ihnen auch die Kraft Ihres eigenen Vorstellungsvermögens helfen. Malen Sie sich ganz anschaulich und bildhaft aus, wie Sie die neue Aufgabe gepackt haben, wie Ihre Chefin Ihnen gratuliert, wie Sie den Erfolg mit Ihren Liebsten und Nächsten feiern! Lassen Sie es sich richtig spüren, was für ein großartiges Gefühl es ist, diese Hürde genommen zu haben! Im Sport nennt man das mentales Training und es wirkt! Allerdings nur, wenn Sie eine für sich selbst glaubhafte Vorstellung kreiert haben und sich immer wieder ein wenig Zeit dafür nehmen, denn mit nur einem Mal ist es nicht getan. Wenn man sich um Herausforderungen
drückt, kann auch ein anderes psychologisches Spiel dahinterstecken.
Auch dieses Spiel kann man mit sich allein spielen und es heißt:
"Wenn du nicht wärst..." Wenn Ihnen immer wieder Gedanken
durch den Kopf spuken, die die Verantwortung auf einen anderen verlagern,
kann es gut sein, dass Sie in diesem Spiel gefangen sind. Das können
Gedanken sein wie beispielsweise: "Ich würde den Job ja gern
annehmen, aber dann müsste ich täglich eine Stunde länger
arbeiten, das kann ich meinem Mann nicht zumuten..." oder "Wenn
meine Eltern mir damals das Studium finanziert hätten..." oder
"Wenn mein Chef nicht immer so ätzende Kommentare abgeben würde..." Auch bei diesem Spiel ist Bewusstmachen der wichtige erste Schritt zum Ausstieg! Machen Sie sich klar, dass Sie, wenn Sie die Verantwortung für die Nichterfüllung Ihrer Wünsche auf jemand anderen verlagern, sich selbst vollkommen lähmen. Denn was können Sie schon tun, wenn ein anderer die Schuld hat? Wenn Sie jedoch selbst die Verantwortung übernehmen, sind Sie auch diejenige, die etwas ändern kann. Wenn Sie dann mit sich selbst
völlig im Reinen sind, dass Sie diese Herausforderung wirklich annehmen
wollen, packen Sie es an. Sprechen Sie zum Beispiel mit Ihrem Mann, ob
er es wirklich nicht akzeptieren würde, dass Sie etwas länger
im Büro bleiben - bisher war das ja nur Ihre Vermutung. Suchen Sie
sich Beispiele von Menschen, die auch ohne Unistudium befriedigende und
erfolgreiche Berufswege eingeschlagen haben! Oder holen Sie das Studium
nach. Machen Sie entweder sich selbst klar, dass die Kommentare Ihres
Chefs an Ihnen abperlen, weil sie ohnehin nicht persönlich gemeint
sind, er ist halt wie er ist. Oder machen Sie ihm klar, dass er im Sinne
eines förderlichen Arbeitsklimas auf solche Bemerkungen in Zukunft
besser verzichtet. Auf diese Weise ersetzen Sie das Spiel "Wenn du
nicht wärst" durch die sehr viel aufbauendere Gewissheit "Ich
bin ein selbstverantwortlicher Mensch". Um den zweiten Schritt zu tun, entscheiden Sie sich ganz bewusst dafür, die Komfortzone zu verlassen. Sie brauchen das keineswegs gewaltsam zu tun: Nehmen Sie die Dinge ruhig in kleinen Schritten in Angriff! Es ist sehr viel empfehlenswerter, viele kleine Schritte zu machen, als einen großen nicht zu packen! Wenn dann die ersten Erfolgserlebnisse vorhanden sind, fällt es immer leichter, sich auch an etwas zu wagen, was man sich früher nicht zugetraut hat. Solch ein erster kleiner Schritt könnte zum Beispiel eine neue Fortbildung sein, die man besucht. So bekommt man Anregungen, etwas auszuprobieren, das man bisher nicht gemacht hat. Für die eine oder andere ist vielleicht auch das bereits ein zu großer Schritt, weil ihr das Risiko, mit dem Verlassen der Komfortzone sofort im Berufsleben zu beginnen, zu hoch ist. Wenn das der Fall sein sollte, kann man auch im Privatleben damit anfangen, seinen Mut zu trainieren. Vielleicht macht es Ihnen Spaß, einmal mit einer Freundin, die ganz anders ist als Sie, die Kleider zu tauschen? Erleben Sie einmal, wie sich das anfühlt, mit einer neuen äußeren Hülle auch neue innere Facetten bei sich zu erleben. Besuchen Sie ein Lokal in Ihrer Stadt, in das Sie eigentlich nie gehen würden. Wenn Sie ein Opernfan sind, gehen Sie doch einmal in ein Jazzkonzert. Und, das kommt jetzt aber wirklich schon einer Mutprobe gleich, gehen Sie doch einmal zu einem richtig tollen Friseur und lassen sich die Haare ganz anders schneiden als bisher. Lernen Sie sich selbst auf eine neue Art kennen! Vielleicht haben Sie eine vertraute Person in Ihrer Umgebung, mit der Sie über Ihren Wunsch, die Komfortzone zu verlassen, sprechen können, und die Ihnen immer einmal wieder einen hilfreichen Schubs geben kann, deren Reaktionen Sie vielleicht auch ermutigen, einige der Änderungen beizubehalten. Auch das schafft die nötigen Erfolgserlebnisse, so dass Sie peu a peu in der Lage sind, Herausforderungen mutig und selbstsicher zu begegnen. Ulrich Dehner (ulrich.dehner@konstanzer-seminare.de)
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