An der Hilf-mir-Angel

Ulrich Dehner analysiert alltägliche Bürospielchen

Im Büro geht es gelegentlich zu wie beim Angeln: Einer wirft einen Köder aus, ein anderer beißt an. Aber anders als am Fischteich hängt bei solchen Bürospielchen schon auch mal der Stärkere am unteren Ende der Angel, etwa beim Fischen mit dem Hilf-mir-doch-Köder. Da fragt eine Mitarbeiterin ihren Vorgesetzten, ob er ihr nicht eben helfen könne beim Direktformatieren in Word. Wer sich da nur denkt: " Das hab ich ihr doch gestern erst genau erklärt", den Brocken aber schluckt und " mal kurz" hilft, der hat schon verloren ƒ nämlich Zeit, Nerven, Geduld und am Ende auch die gute Laune. Die Mitarbeiterin am anderen Ende der Angel hingegen hat gewonnen: Hinwendung, Aufmerksamkeit, Streicheleinheiten.

Der Psychologe Ulrich Dehner ƒ seine Arbeitsschwerpunkte sind Führungs- und Kommunikationstraining, Konfliktmanagement und Coaching ƒ beschreibt solche typische Szenen in seinem Buch über Die alltäglichen Spielchen im Büro. "Schlucken Sie nicht so einfach, denn es setzt voraus, dass das Spielchen von dem durchschaut wird, der geködert werden soll. Der Haken an der Sache ist im erwähnten Beispiel, dass es dem Chef natürlich schmeichelt, in seiner Kompetenz angesprochen zu sein, womit der ausgeworfene Köder auf Interesse stößt. Eine gefährliche Sache, meint Dehner, "denn ein guter Bürospieler ist wie ein guter Angler: hartnäckig und geduldig".

In seinem klar strukturierten und gut lesbaren Buch analysiert Dehner anhand vieler Beispiele und Dialoge das psychologische Dramadreieck von Verfolger, Opfer und Retter, und er hinterfragt die Mechanismen, die in diesen Situationen ablaufen. So widmet der Psychologe ein langes Kapitel den häufigsten Spielchen, wozu Varianten wie das Ja-aber-, das Blöd-, das Ach-wie-schrecklich- und das Tritt-mich-Spiel gehören.

Die Lektüre ist lehrreich und gehaltvoll, zumal der Autor jedes einzelne Spielchen am Ende noch einmal stichwortartig in einem Kasten bewertet: Wie oder warum wird gespielt? Was steckt dahinter? Wo liegt die Gefahr? Wie steige ich aus dem Spiel aus? Wie reagiere ich richtig?

Spannend wird es, wenn der Psychologe aufzeigt, wie und warum all diese inneren Spiele nach einem geheimen Drehbuch ablaufen, das die Handlung und jeden Spielzug diktiert. Er ortet dafür Ursachen in der Kindheit und benennt zwölf Verbote oder "Entschärfungen", die späteren Leben zu Stolperfallen werden, etwa: Zeig keine Gefühle! Sei nicht wichtig! Zeig keinen Ärger!

Konsequent deckt Dehner am Ende auch die Triebkräfte des Spiels auf, die "Antreiber", wie er sie nennt: Sei perfekt! Beeil dich! Mach"s den anderen recht! Streng dich an! Sei stark!

Um sich nicht in Spiele verwickeln zu lassen, sei es wichtig, an sich selbst die wunden Punkte zu erkennen, schreibt Dehner. Erst dann sei man in der Lage, den Köder liegen zu lassen.

 

Maja Langsdorff

PSYCHOLOGIE HEUTE APRIL 2001

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